| Interview mit den Ärztinnen und Ärzten der Artemis Cystitis Clinic in London (Teil 1)
Wir hatten die Gelegenheit, direkt mit dem Ärzteteam zu sprechen – über Diagnoseverfahren, Behandlungsprotokolle und die Sicherheit einer Langzeittherapie bei chronischer Harnwegsinfektion.
Das Originalinterview auf Englisch finden Sie hier.
● Einführung und Fachkenntnis
1. Bitte stellen Sie sich vor und sagen Sie uns, wie viele Jahre Sie im Bereich der Urologie tätig sind, insbesondere mit dem Schwerpunkt auf chronischen Harnwegsinfektionen.
Ed Harvey – Hausarzt mit besonderem Interesse an chronischen Harnwegsinfektionen. Er entwickelte seine Expertise unter der Anleitung und Aufsicht von Professor James Malone-Lee. Er arbeitet seit 2020 in der Klinik.
Eds Interesse an diesem speziellen medizinischen Fachgebiet wurde durch die Arbeit von Professor Malone-Lee im Bereich der chronischen Zystitis geweckt und durch die wissenschaftlichen Fortschritte der letzten Jahre im Verständnis der Krankheitsmechanismen weiter vertieft.
Matthew Malone-Lee – Hausarzt mit besonderem Interesse an chronischen Harnwegsinfektionen.
Während meines Medizinstudiums arbeitete ich im Rahmen der Forschung meines Vaters mit und war in den Sommermonaten in seiner NHS-LUTS-Klinik tätig. Meine medizinische Abschlussarbeit befasste sich mit chronischen Harnwegsinfektionen. Nach mehreren Jahren in der hausärztlichen Tätigkeit absolvierte ich weitere Schulungen in der NHS-LUTS-Klinik und in der 10 Harley Street. Seit 2018 behandle ich Patientinnen und Patienten mit chronischen Harnwegsinfektionen in der Artemis Cystitis Clinic.
Sheela Swamy – Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe mit besonderem Interesse an Urogynäkologie und medizinischer Ausbildung. Ich arbeitete ab Dezember 2011 als leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Prof. Malone-Lee, begann 2012 mit meiner Promotion (abgeschlossen 2016) und arbeite seit Oktober 2018 wieder mit ihm in der Artemis Cystitis Clinic. Sheela war zudem in der LUTS-Klinik am Whittington Hospital tätig. Ihre Dissertation trug den Titel: Übersehene Harnwegsinfektionen bei Patientinnen mit chronischen, therapieresistenten LUTS.
● Behandlungsprotokolle und Behandlungsergebnisse
2. Welches Behandlungsprotokoll wird derzeit in Ihrer Klinik angewendet?
In unserer Klinik behandeln wir chronische Harnwegsinfektionen mit einer Kombination aus Antibiotika und einem Medikament namens Methenamin-Hippurat. Wir verschreiben Antibiotika mit Bedacht und wählen, wann immer möglich, schmalspektrum-Antibiotika, um das natürliche mikrobielle Gleichgewicht des Körpers möglichst wenig zu stören und Nebenwirkungen zu minimieren. Methenamin-Hippurat ist ein Antiseptikum, das Bakterien langsam aus den extrazellulären Räumen entfernt, während infizierte Zellen abheilen.
Es gibt kein universelles Behandlungsschema. Unser Ziel ist es, für jede Patientin bzw. jeden Patienten einen individuellen Plan zu finden, der verträglich, sicher und wirksam ist. Ein kleiner Teil der Patientinnen und Patienten kann allein mit Methenamin-Hippurat auskommen, die meisten benötigen jedoch eine Kombination aus Antibiotika und Hiprex, um die Infektion unter Kontrolle zu bringen.
Wir überwachen die Entzündung der Blase durch Mikroskopie von frisch gewonnenen Urinproben, indem wir weiße Blutkörperchen und Epithelzellen zählen und die Ergebnisse im Zeitverlauf aufzeichnen. Die Antibiotika bekämpfen Bakterien, die aus infizierten Zellen freigesetzt werden, und verhindern, dass sie neue Zellen besiedeln. Sie wirken jedoch nur begrenzt auf bereits intrazelluläre Bakterien, weshalb wir abwarten müssen, bis diese Zellen auf natürliche Weise abgestoßen werden. Dieser Prozess kann bis zu 18 Monate oder länger dauern – daher sind längere Antibiotikatherapien manchmal erforderlich.
Patientinnen und Patienten haben ca alle drei Monate Kontrolltermine, um die Behandlungsergebnisse zu bewerten, die Mikroskopie zu wiederholen und sicherzustellen, dass die Therapie weiterhin sicher und wirksam bleibt.
3. Haben Sie Ihr Behandlungsprotokoll in den letzten Jahren angepasst? Zum Beispiel während der Pandemie, als internationale Patientinnen und Patienten keine Präsenztermine wahrnehmen konnten, oder aus anderen Gründen?
Ja. Wir bieten Online-Termine über Microsoft Teams für Patientinnen und Patienten an, die weit entfernt wohnen oder nicht persönlich erscheinen können. Wo immer möglich, empfehlen wir, ein lokales Labor zu finden, das frische, unzentrifugierte Urinproben für die Mikroskopie bereitstellen kann. Die Ergebnisse können anschließend in der Videosprechstunde besprochen werden. Bei Notfällen bieten wir telefonische oder virtuelle Akuttermine an – an sechs bis sieben Tagen pro Woche.
4. Da Sie inzwischen mehr Patientinnen und Patienten behandeln und somit über mehr Daten verfügen: Wie lange dauert die Behandlung im Durchschnitt? Haben Sie Zusammenhänge zwischen der Krankheitsdauer vor Behandlungsbeginn und der Behandlungsdauer oder den Laborwerten (rote/weiße Blutkörperchen) festgestellt?
Die durchschnittliche Behandlungsdauer liegt bei etwa 18 Monaten. Wir glauben nicht, dass die Dauer der Beschwerden vor Therapiebeginn direkt beeinflusst, wie lange es dauert, bis eine Besserung eintritt.
5. Gibt es Erfolgsgeschichten oder besonders einprägsame Fälle, die Sie (anonymisiert) teilen können, um anderen Patientinnen und Patienten Mut zu machen?
Leider erlaubt die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) die Weitergabe solcher Daten nicht, selbst wenn sie anonymisiert wären, insbesondere nicht an Patientengruppen. Für jede medizinische Präsentation ist die schriftliche Einwilligung der Patientinnen und Patienten erforderlich. Patientenselbsthilfegruppen veröffentlichen Erfahrungsberichte, auf die Sie Ihre Patientengruppe verweisen können.
Wir planen, Patientenbiografien zu veröffentlichen und arbeiten derzeit an einem Buch mit Fallstudien, das sowohl Patientinnen und Patienten als auch Ärztinnen und Ärzten als wertvolle Referenz dienen soll.
6. Warum haben manche Patientinnen und Patienten trotz Antibiotikatherapie weiterhin Schmerzen? Die eingebetteten Bakterien verursachen eigentlich keine akuten Schmerzen – die Symptome treten typischerweise nur auf, wenn Bakterien freigesetzt werden und eine akute Infektion auslösen. Wenn die Antibiotika richtig gewählt sind, sollten sie sofort verhindern, dass sich neue Bakterien an die Blasenschleimhaut anheften. Können Sie erklären, warum die Schmerzen dennoch anhalten?
Antibiotika beseitigen nur die freigesetzten Bakterien. Das Blasengewebe selbst bleibt entzündet und bakteriell besiedelt, was weiterhin Irritationen verursacht. Jede Dehnung oder Kontraktion der Blase – oder schon der Vorgang des Wasserlassens – belastet dieses entzündete Gewebe und führt zu Schmerzen, Unwohlsein oder einem verstärkten Druckgefühl. Zudem sind Infektionen häufig gemischt, und manche Erreger werden möglicherweise nicht vollständig unterdrückt, wenn die Antibiotikadosis zu niedrig ist. Das erklärt den schwankenden Verlauf der Symptome sowie das wiederholte Auftreten von Eiterzellen, weißen Blutkörperchen und Epithelzellen im Mikroskop.
Die vollständige Heilung ist ein langwieriger Prozess, vergleichbar mit dem Abtragen von Zwiebelschichten – Schritt für Schritt. Bakterien existieren seit Milliarden Jahren und sind hochentwickelt darin, sich an ihre Umgebung anzupassen und dort zu überleben.
● Frischurin-Mikroskopie
7. Warum bevorzugen Sie für die mikroskopische Untersuchung frischen Urin, der eine Weile in der Blase war, anstatt – wie in deutschen Laboren üblich – den Urin vorher zu zentrifugieren? Was genau lässt sich im frischen Zustand unter dem Mikroskop erkennen?
Wenn wir eine Urinprobe von unseren Patientinnen und Patienten erhalten, wird sie sofort unter dem Mikroskop mit einem Hämozytometer untersucht.
Es ist entscheidend, dass die Probe frisch ist, um die Empfindlichkeit des Tests zu gewährleisten. Die Zahl der weißen Blutkörperchen sinkt bereits innerhalb von zwei Stunden nach der Entnahme auf 60% des Ausgangswerts, da diese Zellen sehr empfindlich sind und mit der Zeit zerfallen.
Auch kann bakterielles Überwachsen das Sichtfeld trüben, sodass keine verwertbaren Informationen mehr erkennbar sind. Eine alte Probe kann daher irreführende Ergebnisse liefern. Deshalb ist es notwendig, dass die Patientinnen und Patienten für diese Untersuchung persönlich ins Zentrum kommen.
Wir geben die Ergebnisse der Frischurinmikroskopie pro Mikroliter an.
Das Zentrifugieren einer Probe bedeutet, dass der Urin in einem Röhrchen bei 2000 U/min geschleudert, die darüberstehende Flüssigkeit (Überstand) entfernt und nur der Zellrest am Boden zur Analyse verwendet wird. Diese Methode ist für die Mikroskopie kontraproduktiv, da sie zu einer Verklumpung der Zellen, zu Zellzerfall und damit zu unzählbaren Strukturen führt. Wir nutzen diese Technik lediglich für Urin-Kulturen, um bakterielle Spezies für wissenschaftliche Untersuchungen zu isolieren.
● Patientenbedenken und Sicherheit
8. Viele Patientinnen und Patienten sind unsicher, ob eine langfristige Behandlung mit hohen Antibiotikadosen sicher ist. Können Sie mehr über die Sicherheit, das Management von Nebenwirkungen und vorbeugende Maßnahmen sagen?
Die Bakterien befinden sich in der Blasenschleimhaut, weshalb wir hohe orale Antibiotikadosen benötigen, um ausreichende Konzentrationen im Urin zu erreichen. Da es sich häufig um Mischinfektionen handelt, müssen manchmal mehrere Antibiotika kombiniert werden. Alle tief sitzenden, chronischen, intrazellulären Infektionen – ob in der Blase oder in anderen Geweben – erfordern längere Behandlungszeiträume, um eine vollständige Heilung zu erreichen.
Die in unserer Klinik verwendeten Antibiotika werden im Allgemeinen gut vertragen, dennoch können Nebenwirkungen auftreten. Wie wir damit umgehen, hängt von Art und Schwere der Nebenwirkung ab. Wir unterhalten einen Notfall-E-Mail-Service, der an 365 Tagen im Jahr überwacht wird, damit Patientinnen und Patienten Nebenwirkungen sofort melden können und zeitnah ärztlichen Rat erhalten.
Wir achten darauf, Komplikationen frühzeitig zu erkennen, und empfehlen daher, die Leber- und Nierenwerte alle 3–4 Monate während einer Langzeitbehandlung durch Bluttests zu kontrollieren.
Wir können versichern, dass Antibiotika weder das Immunsystem schwächen noch dazu führen, dass man anfälliger für bakterielle Infektionen oder resistent gegen Antibiotika wird. Die von uns verwendeten Therapieschemata wurden über mehr als 20 Jahre entwickelt und geprüft. Sicherheit war für uns stets ein zentraler Aspekt, den wir gründlich evaluiert haben.
Wir verwenden keine modernen Breitbandantibiotika mit starker Wirkung, sondern bevorzugen ältere, bewährte Präparate, die seit vielen Jahren im Einsatz sind.
Die von uns behandelten Bakterien teilen sich nur langsam, sodass sie nicht leicht Resistenzen entwickeln. Daher zeigt sich in unserer Klinik, dass die meisten Harnwegsinfektionen gegen eine Vielzahl von Antibiotika empfindlich bleiben.
Probiotika sind empfehlenswert, da Studien zeigen, dass sie die Häufigkeit von antibiotikaassoziiertem Durchfall verringern können.
Auch eine erhöhte Zufuhr von resistenter Stärke in der Ernährung wird empfohlen. Resistente Stärke wird im Darm nicht vollständig aufgespalten und dient den Darmbakterien als Nahrungsquelle. Die Stärke in Getreide, Samen und Hülsenfrüchten ist an Zellwände gebunden. Die kristalline Struktur der Stärke in Kartoffeln und Bananen ist schwer verdaulich. Wenn man Kartoffeln, Reis oder Nudeln kocht und anschließend abkühlen lässt, bildet sich sogenannte resistente retrogradierte Stärke, die das Wachstum nützlicher Darmbakterien unterstützt.
Wir bedanken uns herzlich bei den Ärztinnen und Ärzten der Artemis Cystitis Clinic in London für die Zeit, die sie sich genommen haben, um unsere Fragen zu beantworten.
Ihr Engagement, ihr Wissen und ihre langjährige Erfahrung in der Behandlung chronischer Harnwegsinfektionen sind für viele Betroffene eine wertvolle Quelle der Hoffnung und Orientierung.
Hinweis: Dies ist eine maschinelle Übersetzung aus dem Englischen. Zur englischen Originalversion.
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